Ramakrishna
Einleitung
Ramakrishna war kein Lehrer, der lange Vorträge hielt. Er erzählte lieber Geschichten, lachte viel und traf den Punkt oft schneller als erwartet. Diese Geschichte zeigt ihn so, wie viele ihn erlebten: verspielt, tief und überraschend klar. Weisheit kommt hier nicht als trockene Theorie, sondern als lebendige Erfahrung. Mal klingt sie wie ein Scherz, mal wie eine einfache Beobachtung. Und genau darin liegt ihre Kraft.
Falls dein Verstand heute lieber ernst bleiben möchte: kein Problem. Ramakrishna lacht trotzdem. Du kannst entspannt zur nächsten Geschichte weitergehen.
Ramakrishna und die Sache mit den vielen Wegen
Ramakrishna lebte im Tempel von Dakshineswar, direkt am Ganges. Er war klein, lebhaft und hatte eine Art, Dinge zu sagen, die Menschen gleichzeitig zum Lachen und zum Nachdenken brachten. Wer ihn zum ersten Mal sah, erwartete keinen großen Lehrer. Wer ihm zuhörte, vergaß das schnell.
Eines Tages kam ein ernsthafter Gelehrter zu ihm. Er hatte viele Schriften studiert und wollte endlich wissen, welcher Weg nun der richtige sei.„Ramakrishna“, sagte er feierlich, „welcher Pfad führt wirklich zu Gott? Bhakti, Jnana, Yoga oder etwas ganz anderes?“
Ramakrishna lachte. Nicht spöttisch, eher wie jemand, der sich über eine vertraute Frage freut.„Sag mir“, antwortete er, „wenn du Durst hast, fragst du dann, aus welchem Glas das Wasser kommt?“
Der Gelehrte zögerte.„Nein… ich trinke einfach.“„Eben“, sagte Ramakrishna. „Manche trinken aus einem Becher, manche aus der Hand, manche direkt aus dem Fluss. Aber sie streiten sich nur, solange sie noch nicht getrunken haben.“
Ein anderer Besucher mischte sich ein. „Aber es gibt doch höhere und niedrigere Wege!“Ramakrishna zeigte auf den Tempelturm. „Wenn du oben stehst, siehst du viele Wege herauf. Wenn du unten stehst, siehst du nur deinen.“
Manchmal sprach Ramakrishna von Gott wie von einem alten Freund. Dann wieder wie von einer Mutter, einem Kind oder einem Geliebten. Auf die Frage, wer Gott wirklich sei, antwortete er einmal:„Er ist wie Zucker. Einer nennt ihn Kandis, einer Sirup, einer Bonbon. Aber alle haben klebrige Finger.“
Die Besucher lachten. Und merkten erst später, dass sie selbst gemeint waren.
Ein junger Mann fragte ihn flüsternd: „Hast du Gott gesehen?“Ramakrishna beugte sich zu ihm und sagte: „So klar, wie ich dich sehe. Nur interessanter.“
Viele kamen mit schweren Fragen und gingen mit leichten Herzen. Ramakrishna machte niemanden kleiner, aber viele Gedanken weniger wichtig. Für ihn war Weisheit nichts Trockenes. Sie durfte schmecken, klingen, sogar ein bisschen verrückt sein.
Und während die Menschen weiter darüber stritten, welcher Weg der beste sei, saß Ramakrishna da, sang, lachte und lebte, als hätte er das Ziel nie aus den Augen verloren. Vielleicht gerade deshalb.
