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Der namenlose Yogi

Einleitung

Manche Menschen fallen auf, andere fallen aus allen Kategorien. Der namenlose Yogi dieser Geschichte gehört eindeutig zur zweiten Sorte. Er sitzt still unter einem Banyanbaum, besitzt kaum etwas und scheint trotzdem nichts zu vermissen. Während andere erklären, ordnen und benennen wollen, lässt er einfach sein. Diese Geschichte erzählt von Identität ohne Etikett und Weisheit ohne Titel. Leicht, ruhig und mit einem sanften Lächeln zeigt sie, wie befreiend es sein kann, niemand Besonderes sein zu müssen. Ganz indisch. Ganz entspannt.

Falls dein Geist heute lieber etwas mit Namen und Überschriften möchte: kein Problem. Der Yogi bleibt sitzen. Du darfst einfach zur nächsten Geschichte weitergehen.


Der stille Yogi meditiert unter einem Banyanbaum.

Der namenlose Yogi

Am Rand eines kleinen indischen Dorfes, dort wo der Staub der Straße langsam zur Ruhe kommt, saß ein Yogi unter einem alten Banyanbaum. Seine Kleidung war schlicht, sein Blick ruhig, sein Besitz überschaubar: eine Matte, ein Tonkrug und sehr viel Zeit. Niemand kannte seinen Namen. Und niemand hatte je erlebt, dass er ihn vermisste.

Die Dorfbewohner nannten ihn einfach „der Yogi“. Manche brachten ihm Essen, andere nur neugierige Blicke. Er nahm beides mit derselben Gelassenheit an. Wenn man ihn fragte, woher er komme, lächelte er. Wenn man wissen wollte, wohin er gehe, schwieg er freundlich.

Eines Tages kam ein Gelehrter vorbei. Er war leicht zu erkennen: viele Bücher, ernster Blick, wenig Staub an den Füßen. Er hatte von dem stillen Yogi gehört und wollte ihn einordnen.„Wie lautet dein Name?“ fragte er, kaum dass er stehen blieb.

Der Yogi öffnete die Augen. „Welchen meinst du?“„Deinen richtigen“, sagte der Gelehrte ungeduldig. „Ohne Namen kann man dich nicht verstehen.“

Der Yogi dachte kurz nach. „Dann fürchte ich, bin ich sehr schwer zu verstehen.“„Du musst doch einen Namen haben!“„Natürlich“, sagte der Yogi. „Sogar mehrere. Aber sie sind alle auf der Strecke geblieben.“

Der Gelehrte setzte sich. „Wie kann man ohne Namen leben?“Der Yogi nahm einen Schluck Wasser. „Ganz ausgezeichnet. Niemand ruft, niemand erwartet etwas.“

Der Gelehrte blätterte nervös in seinen Büchern. Dort standen Namen, Linien, Lehren. Aber kein Platz für jemanden, der einfach da war.„Und was lehrst du?“ fragte er schließlich.

Der Yogi lächelte. „Heute? Sitzen. Atmen. Nicht erklären.“

Als der Gelehrte weiterzog, war sein Kopf voller Fragen, aber sein Schritt etwas langsamer. Der Yogi blieb zurück, namenlos wie zuvor. Der Banyanbaum raschelte leise, als hätte er geschmunzelt.

Und irgendwo zwischen Wurzel und Schatten war klar: Was keinen Namen braucht, geht auch nicht verloren.