Der Weise und der Schüler
Einleitung
Manche Schüler hören so aufmerksam zu, dass sie gar nicht mehr wirklich zuhören. Diese Geschichte führt an einen stillen Dorfrand in Indien, wo ein Weiser einem besonders höflichen Schüler begegnet. Der Schüler versteht jedes Wort – zumindest glaubt er das. Doch Weisheit zeigt sich hier nicht in richtigen Antworten, sondern in dem, was unterwegs geschieht. Ohne Predigt, ohne Erklärungen entfaltet sich eine Lehre, die leise wirkt und lange nachklingt. Der Weg, ein Krug und ein paar Blumen übernehmen die eigentliche Unterweisung. Wer aufmerksam liest, merkt bald: Zustimmung allein trägt nichts nach Hause. Diese Geschichte lädt dazu ein, langsamer zu gehen und genauer hinzusehen.
Wer heute nur zustimmen möchte und nichts tragen will, darf diese Geschichte gern überspringen und direkt zur nächsten Geschichte weiterwandern.
Der Weise und der Schüler, der immer zustimmt
Der Weise lebte am Rand eines alten Dorfes, dort, wo der Staub der Straße sich legt, bevor er zum Fluss wird. Er war kein berühmter Lehrer. Die Menschen kamen trotzdem, weil sie nach dem Gespräch oft weniger trugen als zuvor.
Sein Schüler hieß Nalin. Er war jung, aufmerksam und von seltener Höflichkeit. Was immer der Weise sagte, Nalin stimmte zu. Nicht aus Spott, nicht aus Trägheit – sondern aus dem ehrlichen Wunsch, nichts falsch zu machen.
„Die Welt ist vergänglich“, sagte der Weise.„Ja, Meister“, sagte Nalin.
„Der Geist erschafft mehr Leiden als das Leben“, sagte der Weise.„Ja, Meister.“
„Wer sucht, übersieht oft das Naheliegende.“„Ja, Meister.“
Der Weise hörte das „Ja“ wie ein Echo, das zu früh zurückkam.
Eines Tages bat der Weise Nalin, ihn auf den Markt zu begleiten. Es war laut, eng und voller Stimmen. Händler priesen ihre Ware an, Käufer stritten um Preise, Kinder rannten zwischen Körben hindurch.
Der Weise blieb vor einem Töpfer stehen. Vor ihm lagen zwei Krüge. Einer war glatt und sauber, der andere hatte einen feinen, kaum sichtbaren Riss.
„Welchen würdest du nehmen?“ fragte der Weise.
„Den unversehrten“, sagte Nalin ohne Zögern.
Der Weise nickte und kaufte den gerissenen Krug.
Auf dem Rückweg reichte er ihn Nalin und sagte: „Füll ihn am Fluss.“
Nalin tat es. Schon nach wenigen Schritten tropfte Wasser aus dem Krug. Nalin hielt ihn fester, ging schneller, ärgerte sich. Als sie ankamen, war der Krug nur halb voll.
„Er ist beschädigt“, sagte Nalin entschuldigend.
Der Weise antwortete nicht.
Am nächsten Tag bat er Nalin erneut, den Krug zu füllen. Nalin ging langsamer, vorsichtiger. Wieder verlor der Krug Wasser, aber weniger.
„Du hast dich bemüht“, sagte der Weise. Mehr nicht.
Am dritten Tag ging Nalin schweigend zum Fluss. Er achtete auf jeden Schritt. Als er zurückkam, war der Krug immer noch nicht voll, aber er war ruhig.
Der Weise führte ihn an den Wegesrand. Dort wuchsen Blumen, frisch und kräftig.
„Siehst du sie?“ fragte er.
Nalin nickte.
„Sie wachsen dort, wo das Wasser aus dem Krug gefallen ist.“
Nalin schwieg lange.
Am Abend sagte er: „Ich habe immer zugestimmt, weil ich dachte, das sei Lernen.“
Der Weise sah ihn an. „Zustimmen ist leicht. Tragen ist schwerer.“
Von diesem Tag an sagte Nalin nicht mehr sofort „Ja“. Manchmal fragte er nach. Manchmal zweifelte er. Manchmal schwieg er. Und manchmal verstand er erst Tage später.
Der Weise ließ ihn gewähren.
Der Krug blieb gerissen. Der Weg blieb derselbe. Aber Nalin lernte, nicht nur die Worte zu tragen, sondern auch das, was unterwegs verloren ging – und was dadurch wuchs.
