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Der Mann mit den Goldenen Händen

Einleitung

Manche Wünsche klingen harmlos, bis sie sich erfüllen. Diese Geschichte stammt aus der indischen Weisheitstradition und erzählt von einem Mann, der mehr wollte, als er zu tragen vermochte. Ein einziger Wunsch genügt, um sein Leben vollständig zu verändern. Was zunächst wie ein Segen erscheint, zeigt bald eine unerwartete Kehrseite. Ohne Drohung und ohne Predigt entfaltet sich eine leise, aber deutliche Wahrheit. Der Weg des Mannes führt nicht durch Schuld, sondern durch Erfahrung. Und genau darin liegt die Kraft dieser Erzählung.

Hinweis

Wer heute lieber nichts verwandeln möchte, darf diese Geschichte überspringen und ganz unberührt zur nächsten Geschichte weitergehen.


Der verzweifelter Mann sitzt zwischen goldenen Speisen und Gefäßen.

Der Mann mit den goldenen Händen

Es lebte einst ein Mann, der arm war, aber nicht unzufrieden. Er arbeitete viel, kannte Entbehrung und wusste, wie schwer das Leben sein konnte. Doch mit den Jahren begann er, sein Leben immer öfter mit dem der anderen zu vergleichen. Er sah Reichtum, sah Überfluss, sah Macht – und fragte sich, warum all das immer woanders lag.

Eines Tages begegnete ihm ein wandernder Asket. Sein Körper war staubbedeckt, seine Augen klar. Er sprach wenig, doch seine Gegenwart war ruhig wie ein tiefer See. Der Mann bewirtete ihn so gut er konnte, teilte sein einfaches Essen und hörte still zu.

Als der Asket gehen wollte, sagte er:„Du hast mir gegeben, ohne zu wissen, wer ich bin. Wähle einen Wunsch.“

Der Mann zögerte nicht lange. Der Gedanke war ihm vertraut, gut eingeübt.„Ich wünsche mir“, sagte er, „dass alles, was ich berühre, zu Gold wird.“

Der Asket sah ihn lange an. Er fragte nicht nach. Er warnte nicht. Er nickte nur – und ging.

Zuerst war der Mann außer sich vor Freude. Ein Stein wurde zu Gold. Ein Zweig wurde zu Gold. Die Tür seines Hauses glänzte schwer und gelb. Er lachte, rannte, berührte alles, was ihm in die Hände fiel. Der Traum war Wirklichkeit geworden.

Dann kam der Hunger.

Er nahm ein Stück Brot. Es wurde zu Gold.Er griff nach Wasser. Es erstarrte in seiner Hand.Er versuchte es erneut. Und noch einmal.

Der Hunger blieb. Der Durst wurde stärker.

Am Abend setzte er sich erschöpft nieder. Seine Hände glänzten. Der Boden um ihn herum war voller Reichtum. Und doch war nichts davon essbar. Nichts davon lebendig.

Als er in der Nacht vor Erschöpfung einschlief, berührte er im Traum seine eigene Brust. Am Morgen erwachte er nicht mehr.

Man erzählt, dass die Götter ihm keinen Fluch auferlegt hatten. Sie hatten ihm genau das gegeben, was er verlangt hatte – vollständig und ohne Abzug.

Und man erzählt auch, dass die Menschen noch lange an seinem Haus vorbeigingen, an den goldenen Mauern, den goldenen Türen. Doch niemand blieb dort. Denn alles war wertvoll geworden – und nichts mehr brauchbar.

So blieb sein Reichtum zurück.Und das Leben ging weiter.