Der König und der Bettler
Einleitung
Manchmal begegnet sich wahre Macht dort, wo niemand sie erwartet. Vor den Toren einer alten indischen Stadt treffen ein König und ein Bettler aufeinander – beide überzeugt, genau zu wissen, wer sie sind. Doch dieses Gespräch verläuft anders als geplant. Es geht nicht um Almosen, Titel oder Gold, sondern um das, was man festhält, ohne es zu bemerken. Die Geschichte spielt mit Rollen, die plötzlich ihre Bedeutung verlieren. Still, klar und mit einem leichten Augenzwinkern zeigt sie, wie dünn die Grenze zwischen „reich“ und „arm“ sein kann. Eine kurze Begegnung, die länger nachwirkt als jede Predigt.
Falls dein Geist heute lieber weiterzieht: auch Weisheit trägt keine Krone. Geh einfach zur nächsten Geschichte – der Bettler nimmt es gelassen.
Der König und der Bettler
Vor den Toren einer alten indischen Stadt saß ein Bettler im Staub. Er hatte nichts bei sich außer einer kleinen Schale und einem Blick, der erstaunlich ruhig war. Tag für Tag gingen Menschen an ihm vorbei: Händler, Soldaten, Pilger. Manche gaben etwas, viele nichts.
Eines Morgens hielt eine Prozession vor ihm. Trommeln erklangen, Diener räumten den Weg frei. Der König selbst stieg von seinem Wagen. Gekleidet in Seide und Gold trat er vor den Bettler.
„Man sagt, du seist arm“, sagte der König. „Was brauchst du?“
Der Bettler sah auf und lächelte. „Gib mir alles, was du hast.“
Ein Raunen ging durch die Menge. Der König lachte. „Alles?“Dann befahl er seinen Dienern, Gold, Schmuck und kostbare Stoffe herbeizubringen. Die Schätze wurden vor dem Bettler ausgebreitet.
Der Bettler schüttelte den Kopf. „Das gehört dir. Ich meinte das, woran du dich festhältst.“
Der König verstummte. Zum ersten Mal seit vielen Jahren wusste er nicht, was er antworten sollte. Die Macht, der Titel, das Bild von sich selbst – all das ließ sich nicht einfach ablegen.
Nach einer langen Pause fragte er leise: „Und was hast du?“Der Bettler hob seine leere Schale. „Nichts, was ich verteidigen müsste.“
Der König setzte sich neben ihn in den Staub. Für einen kurzen Moment gab es keinen Herrscher und keinen Bettler. Nur zwei Menschen und einen stillen Raum dazwischen.
Als der König später ging, nahm er sein Gold wieder mit. Doch etwas hatte er zurückgelassen.Und der Bettler saß weiterhin da – reich wie zuvor.
