Kapalin – der Schädelträger und asketische Aspekt Shivas
Kapalin bezeichnet eine radikale, asketische Erscheinungsform und Tradition im Shaivismus. Der Name leitet sich von Kapala (Schädel) ab und bedeutet „der Schädelträger“. Kapalin steht für asketische Entsagung, Grenzüberschreitung und die bewusste Konfrontation mit Tod und Vergänglichkeit. Ursprünglich ist Kapalin eng mit Shiva selbst verbunden, insbesondere mit seiner Rolle als wandernder Asket.
Mythologisch geht Kapalin auf eine Episode zurück, in der Shiva nach der Enthauptung Brahmas zur Sühne als Kapalin umherwandern musste, den Schädel Brahmas tragend. Diese Phase symbolisiert Schuld, Reinigung und die Überwindung des Egos. Erst als der Schädel von Shivas Hand fiel, war die Läuterung vollendet.
Historisch entwickelten sich aus diesem Konzept die Kapalika-Asketen, eine heute nahezu verschwundene shaivistische Strömung. Sie lebten außerhalb gesellschaftlicher Normen, nutzten Schädelgefäße, hielten sich an Verbrennungsplätzen auf und praktizierten extreme Formen der Askese. Ziel war nicht Provokation, sondern die Erkenntnis: Alles Weltliche ist vergänglich.
Spirituell steht Kapalin für den Weg der radikalen Entsagung. Rein und unrein, Leben und Tod verlieren ihre Gegensätzlichkeit. Kapalin konfrontiert den Menschen mit der Endlichkeit aller Formen und führt zur inneren Freiheit durch Loslösung. Dieser Aspekt beeinflusste spätere Traditionen wie Aghori und tantrische Shaiva-Schulen.
Kapalin ist keine populäre Gottheit, sondern ein konsequentes spirituelles Prinzip: Befreiung entsteht nicht durch Anhäufung, sondern durch Loslassen – selbst von Angst, Identität und Körperlichkeit.
