Der Weise am Ganges
Einleitung
Am Ufer des Ganges, wo Wasser, Zeit und Geschichten ineinanderfließen, sitzt ein alter Weiser und tut scheinbar nichts. Während Pilger baden und Gedanken kommen und gehen, geschieht hier etwas Unauffälliges, aber Wesentliches. Diese Geschichte führt an einen Ort, an dem Antworten nicht erklärt, sondern erfahren werden. Der Ganges ist dabei mehr als ein Fluss – er ist Spiegel, Lehrer und stiller Begleiter. Es geht nicht um Rituale oder Regeln, sondern um das, was bleibt, wenn man für einen Moment nichts festhalten will. Eine kleine Begegnung, einfach erzählt, mit einem leichten Lächeln im Hintergrund. Ohne Belehrung, ohne Aufwand. Nur ein kurzer Halt am Ufer.
Falls dein Geist heute lieber weiterwandert: kein Problem. Auch der Ganges zwingt niemanden zum Verweilen. Fließe einfach zum nächsten Geschichte weiter.
Der Weise am Ganges
Am frühen Morgen lag Varanasi still da. Der Ganges floss wie immer, unbeeindruckt von allem, was Menschen beschäftigte. Am Ufer saß ein alter Weiser, barfuß, mit geschlossenen Augen. Neben ihm: ein Paar Sandalen. Oder besser gesagt: eine Sandale. Die andere war verschwunden.
Ein junger Mann blieb stehen. Er war auf Pilgerreise, voller Fragen und leicht genervt vom Leben.„Meister“, fragte er höflich, „habt Ihr Eure Sandale verloren?“
Der Weise öffnete ein Auge, lächelte und nickte.„Ja. Der Fluss hat sie genommen.“
Der junge Mann schaute auf den ruhigen Ganges.„Warum holt Ihr sie nicht zurück? Das Wasser ist flach.“
Der Weise nahm die verbliebene Sandale und warf sie mit einem eleganten Schwung ebenfalls in den Fluss.
Der junge Mann war entsetzt.„Jetzt habt Ihr beide verloren!“
Der Weise lachte leise.„Nein. Jetzt habe ich kein Problem mehr.“
Der junge Mann verstand nichts. Er setzte sich. Das war neu für ihn.
„Erklärt es mir bitte.“
Der Weise zeichnete mit einem Stock Kreise in den Sand.„Solange ich nur eine Sandale habe, fehlt mir die andere. Mangel entsteht im Kopf, nicht im Besitz. Zwei Sandalen im Fluss sind vollständiger als eine auf dem Land.“
Der junge Mann schwieg. Zum ersten Mal an diesem Tag.
Nach einer Weile fragte er:„Ist das Advaita?“
Der Weise nickte.„Nicht-zwei. Solange du denkst, dir fehlt etwas, teilst du die Welt. Wenn nichts fehlt, wird alles eins – sogar mit nassen Sandalen.“
Der junge Mann lachte. Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Als er später weiterging, bemerkte er, dass seine eigenen Schuhe drückten. Er zog sie aus und ging barfuß weiter. Der Weg war derselbe, aber leichter.
Der Ganges floss weiter. Wie immer.
