Der Pferdezüchter
Am Rand eines kleinen Dorfes lebte ein alter Mann mit seinem Sohn. Ihr Besitz war bescheiden, doch sie hatten etwas Wertvolles: einen kräftigen Hengst. Der Mann kümmerte sich um die Tiere mit ruhiger Geduld, ohne Eile, ohne große Worte.
Eines Morgens war der Hengst verschwunden. Das Tor stand offen, die Spur führte ins offene Land. Die Nachbarn kamen zusammen.„Was für ein Unglück“, sagten sie. „Dein bestes Pferd.“
Der alte Mann nickte langsam.„Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?“
Die Nachbarn schauten ihn verwundert an und gingen.
Am nächsten Tag kehrte der Hengst zurück. Hinter ihm liefen mehrere Wildpferde, stark und frei. Wieder kamen die Nachbarn, diesmal voller Freude.„Was für ein Glück! Jetzt bist du reich an Pferden.“
Der alte Mann betrachtete die Tiere.„Woher wisst ihr, dass es ein Glück ist?“
Am folgenden Tag versuchte der Sohn, eines der Wildpferde zu zähmen. Das Tier war ungestüm. Es warf ihn ab, und der Junge brach sich das Bein. Die Nachbarn kamen erneut.„So viel Pech“, sagten sie. „Das ist wirklich schlimm.“
Der alte Mann setzte sich neben seinen Sohn.„Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?“
Kurz darauf erreichte der Krieg das Land. Soldaten zogen von Dorf zu Dorf und nahmen alle jungen Männer mit. Als sie zum Haus des alten Mannes kamen, sahen sie den verletzten Sohn und zogen weiter.
Das Dorf wurde still.
Der alte Mann pflegte weiter seine Pferde. Der Sohn heilte langsam. Nichts musste erklärt werden.
Weisheit: Was wir Glück nennen und was wir Unglück nennen, sind nur Gedanken über den Moment. Das Leben entfaltet sich weiter – jenseits unserer schnellen Urteile.
