Birbal und der volle Krug
Am Hof von Kaiser Akbar erschien eines Tages ein Mann, der sich über seinen Nachbarn beschwerte.„Majestät“, sagte er, „er hat mir einen Krug zurückgegeben, der nicht voll ist. Als ich ihn verliehen habe, war er randvoll.“
Der Nachbar trat vor und verneigte sich. „Ich habe ihm genau den Krug zurückgegeben, den ich erhalten habe. Nicht mehr und nicht weniger.“
Akbar sah beide an. Der Krug wurde gebracht. Er war sauber, unbeschädigt – und tatsächlich nur halb gefüllt.
„Birbal“, sagte der Kaiser, „was sagst du dazu?“
Birbal nahm den Krug, wog ihn kurz in der Hand und stellte ihn dann auf den Boden.„Majestät“, sagte er ruhig, „der Krug ist vollständig zurückgegeben worden.“
Der Kläger fuhr auf. „Aber nicht der Inhalt!“
Birbal nickte. „Genau.“
Er wandte sich an den Kläger. „Als du den Krug verliehen hast – hast du auch die Fülle verliehen? Oder nur das Gefäß?“
Der Mann zögerte.
Birbal fuhr fort: „Ein Krug kann geliehen werden. Wasser nicht. Es verändert sich, verdunstet, fließt weiter. Wer Fülle erwartet, muss sie selbst bewahren.“
Akbar lächelte. „Ein kluger Unterschied.“
Der Kläger schwieg. Der Nachbar verbeugte sich.
Birbal stellte den Krug beiseite.Und am Hof verstand man an diesem Tag,dass man Besitz leicht verleiht –aber Erwartungen besser behält.
