Der Bauer und der Fremde am Weg
Einleitung
Manchmal begegnet Weisheit nicht in Tempeln, sondern auf staubigen Feldwegen. Diese Geschichte erzählt von einem Bauern, der hart gearbeitet hat und sich über seine Ernte freut. Als ihm Krishna begegnet, scheint die Bitte einfach – und ist doch alles andere als das. Ohne Drohung, ohne Belehrung zeigt sich, wie schnell der Mensch zu rechnen beginnt. Die Handlung ist schlicht, fast alltäglich, und gerade darin liegt ihre Tiefe. Was gegeben wird, ist klein. Was erkannt wird, ist größer. Die Weisheit entsteht nicht aus Worten, sondern aus dem stillen Nachgeschmack der Begegnung.
Wer heute lieber alles behalten möchte, darf diese Geschichte überspringen und mit leichtem Herzen zur nächsten Geschichte weitergehen.
Der Bauer und der Fremde am Weg
Ein Bauer ging am späten Nachmittag vom Feld nach Hause. Auf seinem Rücken trug er einen Sack voll Weizen, dicht und schwer. Das Korn war gut geraten, und während seine Schultern schmerzten, war sein Herz zufrieden. Er dachte an Brot, an Vorrat, an Sicherheit. Der Weg war staubig, die Sonne stand tief.
Am Rand des Pfades saß ein Mann. Seine Kleidung war schlicht, fast ärmlich. Er wirkte wie ein Wanderer oder Bettler, einer von denen, die man leicht übersieht. Er hatte keine Schale, keine Bitte im Blick, nur Ruhe. Der Bauer wollte an ihm vorbeigehen, doch der Mann sprach ihn an.
„Dein Weizen ist gut“, sagte er leise.
Der Bauer blieb stehen. „Die Ernte war gnädig dieses Jahr.“
Der Mann nickte. „Dann schenke mir deinen Weizen.“
Der Bauer erschrak innerlich. Er sah den Sack an, dann den Fremden. Nichts an ihm deutete auf Macht oder Anspruch hin. Kein Tempelpriester, kein Brahmane, kein Herr. Nur ein Mensch, der bat. Der Bauer dachte an seine Familie, an den kommenden Winter, an die Mühe der letzten Monate.
Er öffnete den Sack. Seine Hand tauchte in das Korn. Er suchte lange, länger als nötig. Schließlich zog er ein einzelnes, kleines Weizenkorn hervor und legte es in die offene Hand des Fremden.
„Mehr kann ich nicht geben“, sagte er.
Der Mann sah das Korn an. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann verwandelte sich das kleine Weizenkorn in Gold. Kein Licht, kein Donner, nur Gold – ruhig und vollkommen.
Der Fremde legte es dem Bauern in die Hand zurück. „Möge es dich erinnern“, sagte er und ging weiter den Weg hinab.
Der Bauer stand reglos da. Das Gold fühlte sich schwer an. Schwerer, als er erwartet hatte. Schwerer als der Sack auf seinem Rücken. Ein Gedanke traf ihn scharf und klar:„Hätte ich ihm alles gegeben.“
Er ging weiter. Der Sack war derselbe. Der Weg war derselbe. Doch seine Freude war verschwunden. Zu Hause angekommen stellte er den Sack ab und legte das Gold daneben. Der Weizen roch warm und lebendig. Das Gold glänzte still.
Als er später noch einmal hinausging und den Weg hinabsah, bemerkte er etwas, das ihm zuvor entgangen war. In der Ferne, im letzten Licht des Abends, schimmerte die Haut des Fremden blau – nicht grell, nicht auffällig, sondern tief wie der Himmel kurz vor der Nacht.
Da wusste der Bauer, wem er begegnet war.
Doch es war zu spät für Reue und zu früh für Trost. Krishna war gegangen. Nicht beleidigt, nicht enttäuscht. Einfach gegangen.
Der Bauer saß lange still. Er verstand, dass ihm nichts genommen worden war. Auch nichts verweigert. Er hatte genau das empfangen, was er gegeben hatte – nicht im Maß des Weizens, sondern im Maß seines Herzens.
Der Weizen würde satt machen. Das Gold würde ihn lehren.
