Zum Hauptinhalt springen

Narada der überall aufzutaucht

Einleitung

Narada ist bekannt dafür, überall aufzutauchen, Fragen zu stellen und Dinge in Bewegung zu bringen. In dieser Geschichte geht es weniger um Geschwindigkeit und mehr um Aufmerksamkeit. Mit seinem typischen Charme stolpert Narada in eine Lektion, die überraschend bodenständig ist. Weisheit zeigt sich hier nicht als große Tat, sondern als stiller Moment. Leicht, humorvoll und ganz ohne erhobenen Zeigefinger lädt diese Erzählung zum Schmunzeln ein. Und vielleicht auch zum kurz langsamer werden.


Falls du es gerade eilig hast: kein Problem. Narada ist ohnehin schon weitergezogen. Du darfst ganz entspannt zur nächsten Geschichte springen.


Der Weise Narada mit seiner Vina.

Narada und die Sache mit dem richtigen Tempo

Narada war ständig unterwegs. Wirklich ständig. Wenn irgendwo im Universum etwas passierte, war Narada entweder schon da oder auf dem Weg dorthin. Mit seiner Vina über der Schulter, leichtem Schritt und einer großen Vorliebe dafür, Fragen zu stellen, die niemand bestellt hatte.

Eines Tages kam Narada zu Vishnu und verbeugte sich tief.„Herr“, sagte er stolz, „ich habe heute schon unzählige Welten besucht, Mantras gesungen, Lehren verbreitet und Menschen auf den richtigen Weg gebracht.“Vishnu lächelte sanft. Dieses Lächeln, das meistens bedeutete, dass gleich etwas Lehrreiches – und leicht Unangenehmes – passieren würde.

„Sehr gut“, sagte Vishnu. „Dann geh bitte zu einem Bauern dort unten auf der Erde und sag mir, wie spirituell er ist.“

Narada war verwundert. Ein Bauer? Kein Asket, kein Yogi, kein Philosoph? Aber gut. Narada stieg hinab und beobachtete den Mann einen ganzen Tag lang. Der Bauer arbeitete, schwitzte, schimpfte über den Ochsen, aß, schlief – und murmelte ab und zu den Namen Gottes. Nicht sehr elegant. Nicht besonders oft.

Narada kehrte zurück.„Herr“, sagte er, „er denkt kaum an dich. Nur ein paar Mal am Tag. Sehr unspirituell.“

Vishnu nickte. „Gut. Jetzt nimm bitte diesen Krug voller Öl. Geh einmal um meinen Palast herum. Aber verliere keinen einzigen Tropfen.“

Narada nahm den Krug. Er ging langsam, hochkonzentriert, den Blick nur auf das Öl gerichtet. Kein Lied, kein Mantra, kein Blick nach links oder rechts. Als er zurückkam, war kein Tropfen verschüttet.

„Gut gemacht“, sagte Vishnu. „Und wie oft hast du währenddessen an mich gedacht?“Narada stockte. „Ähm … gar nicht.“

Vishnu lachte leise. „Der Bauer denkt beim Pflügen an mich, auch wenn er flucht. Du hast mich vergessen, während du perfekt warst.“

Narada setzte sich. Zum ersten Mal an diesem Tag. Vielleicht auch an diesem Zeitalter.

„Was habe ich gelernt?“ fragte er.Vishnu antwortete: „Dass Liebe nicht laut sein muss. Und dass Tempo keine Abkürzung ist.“

Narada nickte, nahm seine Vina – und ging weiter. Etwas langsamer. Und diesmal summte er nicht, um zu lehren, sondern um sich zu erinnern.