Hinduismus
Der Hinduismus ist keine einheitliche Religion, sondern ein vielschichtiges religiöses und kulturelles System, das das Leben in Indien seit Jahrtausenden prägt. Er verbindet alte Volksglauben, philosophische Tiefe und persönliche Gottesverehrung zu einer einzigartigen religiösen Vielfalt. Rituale, Feste, Götterverehrung und Alltag sind im Hinduismus untrennbar miteinander verbunden. Es gibt keinen Gründer, kein zentrales Dogma und keinen festen Kanon, der für alle gilt. Stattdessen existieren viele Wege, Lehren und Praktiken nebeneinander. Diese Offenheit erklärt, warum der Hinduismus bis heute neue Ideen aufnehmen konnte, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Wer den Hinduismus verstehen will, muss ihn weniger als Religion, sondern mehr als Lebensform begreifen.
Im Hinduismus führen viele Wege zum Ziel. Und falls dieser hier gerade nicht deiner ist: Kein Problem – die nächste Religion wartet schon.
Hinduismus – Wesen, Geschichte und religiöse Vielfalt
In kurzen Zügen das Wesentliche des Hinduismus anzudeuten, ist ein sehr gewagtes Unternehmen. Der folgende Text ist daher ausdrücklich als subjektiv gefärbter Überblick zu verstehen und erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Der Hinduismus ist keine einheitliche Religion im westlichen Sinn, sondern ein vielschichtiger Religions- und Lebenskomplex, der historisch eng mit der indischen Gesellschaftsordnung und dem Kastensystem verbunden ist. Der Begriff „Hinduismus“ umfasst daher sehr unterschiedliche Formen religiösen Lebens und Glaubens, von einfachen Volkspraktiken bis hin zu hochentwickelten philosophischen Systemen.
Ein großer Teil des Hinduismus besteht aus einem aus indisch-vedischer Vorzeit fortbestehenden polytheistischen Volksglauben, der bis heute im Alltag der breiten Bevölkerung lebendig ist. Darüber hinaus entwickelte sich der Hinduismus zu einer Universalreligion mit zwei grundlegenden, sich nicht widersprechenden Ausprägungen.
Auf der einen Seite steht die unpersönliche Mystik, deren göttliches Prinzip das Brahman ist – das allumfassende, formlose Absolute. Auf der anderen Seite existiert der persönliche Gottesglaube (Bhakti), in dem konkrete Gottheiten verehrt werden. Alte vedische Götter wie Rudra-Shiva oder Vishnu entwickelten sich dabei zu Heilsgottheiten, denen sich die Gläubigen in Liebe und Hingabe zuwenden. Diese beiden Sichtweisen stellen keine Gegensätze dar, sondern verschiedene Aspekte derselben göttlichen Wirklichkeit.
Der Hinduismus kennt zahlreiche Strömungen und Untergruppen, deren religiöse Praktiken sich teilweise stark unterscheiden oder sogar widersprechen können – etwa asketische Lebensformen einerseits und tantrische Rituale andererseits. Dennoch besteht ein gemeinsames Verständnis: Alle streben dasselbe höchste Ziel an, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen. Diese Grundhaltung erklärt die außergewöhnliche religiöse Toleranz innerhalb des Hinduismus.
Ein zentraler Punkt ist, dass dem Hinduismus jeder Missionsgedanke fremd ist. Zwar gibt es vereinzelt orthodoxe oder nationalistische Gruppen, die befürchten, dass Menschen niedriger Kasten oder Kastenlose zu anderen Religionen wie Buddhismus, Islam oder Christentum übertreten. Tatsächlich kam es in der jüngeren Geschichte zu verstärkten Konversionen, etwa in Südindien zum Islam oder in Nordindien zum Buddhismus. Dennoch bleibt Mission im klassischen Sinn dem hinduistischen Denken grundsätzlich fremd.
Der Hinduismus durchdringt das gesamte Leben – von der Geburt bis zum Tod. Religion und Alltag sind nicht voneinander zu trennen. Der Hinduismus ist keine Sonntagsreligion, sondern eine allgegenwärtige Lebensform.
Historisch entstand der frühe Hinduismus zwischen 1000 und 200 v. Chr. aus der Verschmelzung des nichtarischen, einheimischen dravidischen Glaubens mit der vedischen Religion der einwandernden Arier (Arya). Diese religiöse Ordnung sicherte zugleich die politische Macht, da die Brahmanen als höchste Kaste allein für die korrekte Durchführung der Opferhandlungen zuständig waren (siehe Kastensystem).
Die wichtigsten Gottheiten der vedischen Zeit waren Agni, der Gott des Opferfeuers, Surya, der Sonnengott, und Indra, der Gott des Regens und des Gewitters. Im Rigveda finden sich 1028 Opferhymnen, die zur Anrufung dieser Götter dienten.
Im 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden die Upanishaden, die ältesten philosophischen Schriften Indiens und vermutlich der gesamten Menschheitsgeschichte. Mit ihnen begann eine tiefgreifende geistige Entwicklung, die den Brahmanismus schrittweise in Richtung des heutigen Hinduismus verwandelte. Spätere Reformbewegungen, vor allem Buddhismus und Jainismus, später auch der Islam, übten nachhaltigen Einfluss auf den Hinduismus aus. Charakteristisch ist jedoch seine Fähigkeit, neue Ideen zu integrieren, anstatt sie auszuschließen. So wurde Buddha im Hinduismus als eine Inkarnation Vishnus gedeutet und in das eigene religiöse Weltbild aufgenommen.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht ungewöhnlich, in hinduistischen Haushalten Bilder von Vishnu, Shiva, Buddha und sogar Jesus friedlich nebeneinander zu finden. Diese Offenheit geht einher mit einer ausgeprägten religiösen Toleranz, die ich bei nahezu allen Hindus erlebt habe. Einen Christen zum Hinduismus bekehren zu wollen, käme ihnen nicht in den Sinn.
Für Hindus gibt es viele Wege zur Erlösung – sei es Moksha, Nirvana oder unter anderen Namen. Jeder Mensch darf den Gott verehren, der ihm persönlich am nächsten steht oder in einer konkreten Lebenssituation Hilfe verspricht. So wenden sich viele Gläubige an Ganesha, den Sohn Shivas und Parvatis, den Gott mit dem Elefantenkopf, der Hindernisse beseitigt und als Gott der Weisheit gilt. Bei anderen Anliegen werden wiederum andere Gottheiten angerufen.
Für den Hindu sind all diese Gottheiten keine getrennten Wesen, sondern Manifestationen verschiedener Aspekte des einen Göttlichen.
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