Der Schüler, der zu viel wusste
Einleitung
Manche Schüler sammeln Wissen wie andere Wasser in einer Schale. Je voller sie wird, desto weniger passt noch hinein. Diese Geschichte führt in einen stillen Ashram, wo ein besonders gelehriger Schüler glaubt, bereits alles Wesentliche verstanden zu haben. Der Lehrer widerspricht ihm nicht, erklärt nichts und diskutiert nicht. Stattdessen lässt er eine einfache Handlung für sich sprechen. Ohne große Worte zeigt sich, warum Wissen allein nicht trägt. Die Geschichte entfaltet ihre Weisheit langsam und unspektakulär. Sie lädt dazu ein, das Eigene kurz abzustellen und Raum entstehen zu lassen.
Wer heute lieber weiterliest, statt etwas auszugießen, darf diese Geschichte überspringen und direkt zur nächsten Geschichte gehen.
Der Schüler Somadeva
Der Schüler hieß Somadeva. Er war bekannt im ganzen Ashram. Nicht, weil er still war oder besonders gütig, sondern weil er alles wusste. Wenn jemand eine Frage stellte, hatte Somadeva bereits eine Antwort. Wenn der Lehrer schwieg, wusste Somadeva, warum. Wenn andere zweifelten, wusste Somadeva, dass Zweifel unnötig seien.
Er hatte die Schriften gelesen, Kommentare studiert, Auslegungen verglichen. Er kannte Begriffe, Abstufungen, Wege und Irrwege. Er konnte erklären, was wirklich ist und was nur erscheint. Und er war darin sehr überzeugend.
Eines Morgens saßen Lehrer und Schüler zusammen. Der Lehrer schaute lange in die Ferne, dann fragte er ruhig:„Somadeva, bist du zufrieden mit deinem Wissen?“
„Ja“, antwortete Somadeva ohne Zögern. „Es ist klar. Es widerspricht sich nicht.“
Der Lehrer nickte. „Gut. Dann begleite mich heute.“
Sie gingen hinaus zu den Feldern. Die Sonne stand hoch. Bauern arbeiteten schweigend. Ein alter Mann versuchte, einen schweren Stein vom Weg zu rollen. Er schob, rutschte ab, versuchte es erneut.
Somadeva sah kurz hin. „Er sollte den Stein anders ansetzen“, sagte er. „So vergeudet er Kraft.“
Der Lehrer sagte nichts.
Der alte Mann setzte erneut an, rutschte wieder ab und setzte sich schließlich erschöpft auf den Boden. Der Lehrer ging zu ihm, legte ohne Worte die Hände an den Stein, wartete einen Moment, schob – und der Stein rollte zur Seite.
Der alte Mann nickte dankbar und ging weiter.
Somadeva runzelte die Stirn. „Ich hätte ihm das erklären können.“
Der Lehrer sah ihn an. „Warum hast du es nicht getan?“
„Er hätte es vielleicht nicht verstanden“, sagte Somadeva. „Oder falsch umgesetzt.“
Der Lehrer ging weiter.
Am Nachmittag saßen sie im Schatten. Der Lehrer nahm eine Tonschale, stellte sie vor Somadeva und füllte sie langsam mit Wasser. Die Schale war bereits voll. Das Wasser lief über, tropfte auf den Boden.
„Warum läuft es über?“ fragte der Lehrer.
Somadeva lächelte. „Weil sie voll ist.“
Der Lehrer nickte. „Und warum hast du es nicht früher gesagt?“
Somadeva zögerte. „Weil es offensichtlich ist.“
Der Lehrer ließ die Schale stehen. Das Wasser tropfte weiter, bis der Boden feucht war.
„Du bist wie diese Schale“, sagte der Lehrer ruhig. „Alles, was neu ist, läuft sofort ab. Nicht, weil es falsch ist – sondern weil kein Raum mehr da ist.“
Somadeva wollte antworten, erklären, widersprechen. Doch zum ersten Mal merkte er, dass jede Erklärung bereits bekannt war. Sie fügte nichts hinzu. Sie nahm nur Platz.
Am Abend saßen sie wieder zusammen. Der Lehrer sagte nichts. Somadeva sagte auch nichts. Das Schweigen war ungewohnt. Es fühlte sich leer an. Und zugleich ungeordnet.
In dieser Leere bemerkte Somadeva etwas Seltsames: Zum ersten Mal musste er nichts festhalten. Kein Begriff, keine Antwort, keine Sicherheit. Der Boden unter ihm war derselbe wie immer, doch er stützte sich nicht mehr auf Gedanken.
Am nächsten Tag fragte niemand nach seinem Wissen. Und Somadeva bot es auch nicht an.
Er wusste noch genauso viel wie zuvor.Aber er verstand zum ersten Mal, warum es ihn bisher nicht weitergetragen hatte
